Google kommt ins Fernsehen !

Chromecast startet in Deutschland

In den USA konnte Google mit seinem TV-Stick Chromecast Erfolge feiern. Nun ist die Android-Verlängerung aufs TV auch hierzulande zu bekommen.

Quelle:      Sven Heise      c`t magazin    Link zum Artikel

Der erste Schuss ging gründlich daneben: Die TV-Plattform Google TV dümpelt seit ein paar Jahren unbeachtet vor sich hin. Eine hochpreisige Internet-Box, die TV-Inhalte mit der Online-Welt verschmilzt, war für die meisten Kunden wohl unattraktiv.chromecast_item

Mit dem Chromecast-Stick will der Suchmaschinen-Gigant das Wohnzimmer nun im zweiten Streich erobern. Zumindest in den USA scheint die Rechnung aufzugehen – bei Amazon führt der günstige HDMI-Stick inzwischen die Verkaufscharts für Technik-Gadgets an. Ab sofort kann man den Stick nun auch in Deutschland kaufen. Mit einem empfohlenen Verkaufspreis von 35 Euro kostet er kaum mehr als in den USA und wird über Amazon, Google und Mediamarkt/Saturn vertrieben.

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Tabelle: Google Chromecast

Den Chromecast-Stick steckt man in einen HDMI-Eingang des Fernsehers und verbindet ihn über das beigelegte Micro-USB-Kabel zur Stromversorgung mit einem freien USB-Port. Dem Paket liegt aber auch ein USB-Netzteil bei. Über die für Android und iOS frei verfügbare Chromecast-App lässt er sich danach mit dem WLAN verbinden. Chromecast funkt im 2,4-GHz-Band und versteht sich auf schnelle WLAN-Verbindungen nach IEEE 802.11n.

Im stabilen Gehäuse steckt die gleiche CPU wie bei Google TV: ein Marvell Armada 1500-Mini mit 1,2 GHz. Im Unterschied zum erfolglosen Vorgänger verhält sich der Chromecast-Stick jedoch komplett passiv: Es lassen sich keine Apps auf ihm installieren, stattdessen wird er vom Smartphone, Tablet oder PC aus mit Inhalten versorgt. Musik und Videos aus dem Internet werden dabei direkt von dort abgerufen, das Steuergerät übermittelt quasi nur einen Web-Link und stößt die Wiedergabe an.

Viele Zusatzdienste, die Chromecast in den USA besonders attraktiv machen, fehlen in Deutschland: Pandora, Netflix, Hulu und HBO Go kann man hierzulande nicht nutzen. Mit Maxdome und Watchever stehen zum Chromecast-Start immerhin zwei in Deutschland verfügbare Videoangebote bereit – beide integrieren die Casting-Funktion in ihre Apps für Android und iOS.

Hands-on

Mit Play Music, Play Video und YouTube stellt Google drei Dienste bereit, die Chromecast direkt unterstützen – dies gilt auch für iOS-Geräte ab 6.0 und ältere Androiden ab Version 2.3. Aus allen drei Apps heraus lässt sich der Stick ansteuern. Im Player erscheint jeweils ein kleines Chromecast-Symbol, über das man die Wiedergabe auf den Stick umlenkt. Nach etwa 4 Sekunden beginnt die Wiedergabe auf dem TV und das Mobilgerät wird zur Fernbedienung, mit der man die Medienwiedergabe steuern kann. So lassen sich YouTube-Videos von verschiedenen Mobilgeräten im lokalen Netz in eine TV-Wiedergabeliste einreihen oder Musikstücke aus Google Play Music anhören. Beginnt der Stick mit der Wiedergabe aus dem Netz, kann man das Smartphone beiseite legen oder auch ganz ausschalten.

App-Unterstützung

Chromecast lässt sich auch für Googles Bezahl-Dienste nutzen. Man kann also Kauf- und Mietvideos von Play Video anschauen oder Abo-Musik abspielen – der Stick taugt so auch als Netzwerk-Audiospieler an einem Heimkinoverstärker. Was noch fehlt, ist die Verknüpfung der Bildergalerie oder der Foto-App von Google – selbst die in der Cloud gespeicherten Bilder bekommt man über Googles Foto-App nicht auf den TV-Stick. Das Streamen von lokalen Inhalten auf den Stick wird von keiner Google-App unterstützt – hierzu muss man Apps von Drittanbietern nutzen.

Auf Android-Systemen kann man zum Beispiel mit Plex Filme vom gleichnamigen Server auf den Stick umleiten. Über Avia oder AllCast lässt sich die lokale Medienbibliothek des Mobilgerätes anzapfen, oder man streamt vom lokalen UPnP-AV-Server oder ausgewählten Cloud-Diensten aufs TV.

Über Dayframe erstellt man eine Diaschau und kann sie – wenn auch etwas ruckelig animiert – auf dem TV anschauen. All diese Apps sind kostenpflichtig, oder die Chromecast-Unterstützung wird durch einen In-App-Kauf nachgeschoben. Gratis ist hingegen die App vevo, mit der man Musikvideos auf TV-Geräte streamt.

Google stellt Entwicklern ein SDK für Web-, iOS- und Android-Apps bereit, derzeit wächst der Katalog verfügbarer Apps fast täglich. Einen guten Überblick unter Android gibt die kostenlose Cast-Store-App, die ausschließlich Chromecast-Apps auflistet.

Über die Google-Cast-Extension für den Chrome-Browser lässt sich der Chromecast-Stick auch vom PC aus ansteuern. Dabei kann man wahlweise einen Browser-Tab oder den gesamten Bildschirminhalt senden. Die Videoqualität bei der Einstellung „extreme“ (720p high bitrate) reicht zum Anzeigen von Präsentationen. Wegen hoher Latenz und der oft stockenden Bildwiedergabe ist dieser Weg zum Spielen oder Videogucken kaum geeignet. Anders schaut es aus, wenn Seiten die Chromecast-Funktion bereits integriert haben: Nutzt man YouTube, Google Music oder Google Video über den Browser am PC, wird wie bei den Mobilgeräten das Chromecast-Symbol angezeigt, das beim Anklicken den Web-Link an den Stick übergibt.

Das Streamen aus Webseiten auf mobilen Geräten ist momentan nur unter Android möglich, man benötigt hierzu die Beta-Version des Chrome-Browsers. Um die Funktion zu aktivieren, muss man in der Adresszeile zunächst „chrome://flags/#enable-cast“ eingeben, um die experimentelle Chromecast-Unterstützung zu aktivieren. Nach einem Neustart des Browsers klappte zumindest das Streamen aus YouTube ohne Probleme. Mit der Gratis-App CheapCast lassen sich einige Android-Geräte übrigens zum virtuellen Chromecast-Stick machen, allerdings lief sie nicht auf jedem System stabil.

Kunden der unterstützten VoD-Dienste oder Besitzer der Musik-Flatrate All Inclusive kommen bei Chromecast schon jetzt auf ihre Kosten. Unverständlich bleibt, warum Google dem Stick keine eigene Foto-App zur Seite stellt. Die eigene Bildergalerie dürfte auf den meisten Mobilgeräten zu den am stärksten frequentierten Medieninhalten zählen. Was läge näher, als sie in Form eines hübsch animierten Foto-Streams aufs TV zu schicken? Dieses Feld überlässt Google den Apps von Drittanbietern, die die Aufgabe momentan eher schlecht als recht erledigen.

Quelle:      Sven Heise      c`t magazin    Link zum Artikel